Stefan Kretzschmar rüffelt van Almsicks Staffelkolleginnen
  

von Sven Beckedahl

Hamburg - Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar schaute gestern bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften vorbei, um seine Freundin Franziska van Almsick beim Start über 100 Meter Freistil (nach Redaktionsschluss) zu begutachten. Das Interesse, seine Partnerin im Wasser zu sehen, ist verständlich. Zumindest in diesem Jahr wird er dazu nicht mehr viel Gelegenheit haben. Zwar steht im Juli in Barcelona noch die WM auf dem Programm. Doch es deutet viel darauf hin, dass die Weltrekordhalterin über 200 Meter Freistil das Championat sausen lässt. Sie will 2004 endlich Olympiagold gewinnen. Nur das zählt. "Beides, WM und Olympische Spiele zusammen", so ihre Einschätzung, "ich glaube, das passt nicht."

Am Samstag wird van Almsick mitteilen, ob sie an der WM teilnehmen wird. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht fährt, ist zurzeit größer, als die, dass sie fährt", sagt Ralf Beckmann. Der Weltmarkt hätte sich dermaßen rasant entwickelt, dass der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes fürchtet, sie werde in Barcelona "persönliche Bestzeit schwimmen müssen", um Weltmeisterin zu werden. Was bedeutet: Van Almsick müsste ihren Weltrekord (1:56,46 Minuten) unterbieten. Eine Niederlage im vorolympischen Jahr könnte aber einen mentalen Knacks verursachen - und eine Chinesin namens Yu Yang schwamm kürzlich bereits erstaunliche 1:57,70. Kretzschmar mag sich in die Situation seiner Freundin gar nicht hineinversetzen: "Ich war ja noch nie Weltmeister, diesbezüglich bin ich doch 'ne Gurke." Letztlich sei es ihre Entscheidung. Auch wenn er es begrüßen würde, wenn sie auf die WM verzichtet: "Dann könnten wir zusammen Urlaub machen. Ich glaube, dass wir den auch brauchen, weil wir 2004 nicht viel voneinander haben."

Was den Magdeburger indes wundert, ist die scheinbare Gleichgültigkeit der Kolleginnen: "Wenn mein bester Mitspieler sagt, er will nicht zur WM, und ich die Chance auf eine Medaille hätte, würde ich mich ins Auto setzen, zu ihm hinfahren und sagen: ,Wir brauchen dich'. Aber von den Staffelschwimmerinnen hat sie, glaub ich, noch keine angesprochen. Das zeigt, dass Schwimmen wirklich ein Egoistensport ist."


Die Welt. Artikel erschienen am 16. Mai 2003





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