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Von Uwe Wicher, Berlin
Selten war Stev Theloke vor einem großen
Wettkampf so angespannt wie vor dem gestrigen Europameisterschaftsfinale
über 100 m Rücken in Berlin. Dass er Gold mit einem neuen Europarekord
(54,42 Sekunden) gewann, konnte der Chemnitzer kurz nach dem Rennen
„überhaupt nicht fassen“.
Miserabel habe er sich nach Vorlauf und Halbfinale am Montag gefühlt.
„Schneller geht es diesmal nicht, dachte ich nach den 55,28 im Halbfinale“,
sagte der 24-Jährige, und er gab zu, dass ihn diese persönliche Standortbestimmung
sehr frustriert habe. Mit 55,28 wäre er im Finale nur Sechster geworden.
Um noch zu retten, was noch zu retten war, hat „Theo“ die fast 24 Stunden
bis zum Finale alles versucht, um seine körperliche Verfassung zu verbessern.
„Viel geschlafen, viele Vitamine, viele Mineralien“, so der Zweimeter-Mann
zum Aufpäppelungsversuch. Kurz vor dem Finale habe er sich dann drei
Aufgaben gestellt: „Einen halbwegs guten Start, eine halbwegs gute Wende
und einen halbwegs guten Anschlag. Mit etwas Glück hat sogar fast alles
auch geklappt.“
Mit zwölf Hundertstelsekunden Vorsprung rettet er sich vor dem Österreicher
Markus Rogan zum Sieg, um eine Hundertstel verbesserte er seinen eigenen
Europarekord, den er 1998 in New York aufgestellt hatte. In der Stunde
des großen Triumphes drückte Stev Theloke gestern Nachmittag noch eine
letzte Träne weg. Urplötzlich offenbarte er mit ernster Miene, dass
er vor drei Monaten sein Motorrad, eine Kawasaki-Rennmaschine mit 146
PS, verkauft habe. „Das war eine traurige Angelegenheit, obwohl meine
Trainerin Ute Schinkitz, meine Eltern und meine Freundin schon länger
immer wieder darauf hingewirkt haben“, erzählte der Ausnahme-Schwimmer.
Doch sei der schwere Motorrad-Unfall des österreichischen alpinen Skifahrers
Hermann Meier für ihn der letzte Anstoß gewesen, sich von dem geliebten
Flitzer zu trennen.
Wie Theloke gesteht, ist er sich darüber klar geworden, dass Leistungssport
auf höchsten Niveau ohne Training und auch ohne Verzicht nicht über
einen längeren Zeitraum machbar ist. Dass er als Motorrad-Fan seinen
geliebten „heißen Ofen“ für die Zeit des Sporttreibens meidet, nennt
er selbst einen vernünftigen Entschluss. „Das hat wirklich Überwindung
gekostet. Meine Freunde fahren mit dem Motorrad und ich gehe zum Training.“
Seiner jetzige Einstellung zum Leistungssport hat sich Theloke nach
der Weltmeisterschaft 2001 in Fukuoka verschrieben. „Nach meinem neunten
Platz über 100 m Rücken habe ich mir zu Hause die Videos angesehen und
festgestellt, dass ich nicht mehr der athletische Typ war, für den ich
mich selbst hielt“, sagte der sympathische Sachse. Röllchen habe er
rund um seinen Bauch festgestellt. Für Theloke eine Folge seiner erfolgreichen
Olympia-Auftritte 2000 in Sydney mit zwei gewonnenen Bronzemedaillen.
„Danach habe ich gedacht, ich bin der Chef“, gestand er, doch die richtige
Erkenntnis kam schon ein Jahr später. Danach stellte er seine Ernährung
um, arbeitete konzentriert im Training, ließ sich nicht vom Sport ablenken
und führte nach eigenen Angaben „ein solides Familienleben“ mit Freundin
Beate. „Aus dem Handgelenk geht im Schwimmen nichts mehr“, bekräftigte
Theloke.
Sein Zimmerkollege im Forum Hotel, Jens Kruppa, wird heute versuchen,
eine Medaille zu gewinnen. Im Halbfinale über 200 m Lagen machte der
26-Jährige vom SC Riesa gestern Nachmittag einen sehr starken Eindruck.
Mit 2:01,10 Minuten schwamm er die viertbeste Zeit aller Finalisten
und lag nur vier Hundertstel über dem deutschen Rekord von Christian
Keller (2:01,06), der ebenfalls im Endlauf heute Nachmittag steht.„Ich
musste schnell schwimmen, um ins Finale zu kommen. Wenn ich unter 1:01
bleibe, ist eine Medaille möglich“, sagte Kruppa nach dem Halbfinale.
Sächsische
Zeitung - Mittwoch, 31. Juli 2002
Sächsischer
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