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Von Uwe Wicher, Berlin
Das hatte die Schwimmhalle an der Berliner
Landsberger Allee bisher noch nicht erlebt. Für etwa eine Viertelstunde
brachten zwei deutsche Freistil-Staffeln gestern das Wasser zum Brodeln
und die Zuschauer zum Ausflippen. Der Hallensprecher wurde überflüssig
als kurz vor 17.30 Uhr Kathrin Meißner, Petra Dallmann, Sandra Völker
und Franziska van Almsick über 4 x 100 m Freistil der Konkurrenz weit
voranschwomm und mit 3:36,00 Minuten einen neuen Weltrekord aufstellte.
Sage und schreibe 4,66 Sekunden später blieben die Stoppuhren erst für
die zweitplatzierten Schwedinnen stehen. Das ist so deutlich, wie zum
Beispiel ein 5:0-Sieg im Fußball.
Im Gold- und Weltrekord-Jubel drohte die anschließende Männerstaffel
über die gleiche Distanz unterzugehen. Doch abermals lösten vier Athleten
aus dem Gastgeber-Team Riesenjubel auf den Zuschauertribünen aus. Lars
Conrad, Stefan Herbst, Torsten Spanneberg und Stephan Kunzelmann bezwangen
in einem Herzschlag-Finale die von vornherein als Favoriten eingestuften
Schweden. Nur zwei Unterschiede gab es zwischen den beiden deutschen
Siegerquartetts: Die jungen Damen schwammen Weltrekord und stellten
die Reihenfolge ihres Staffeleinsatzes allein ohne Trainer auf, während
ihre männlichen Teamkollegen keinen Rekord aufstellten und von Bundestrainer
Manfred Thiesmann die Taktik vorgegeben bekamen.
Die neuen Weltrekordlerinnen ließen sich nach dem begeisternden Rennen
nur zu Dritt im Interview-Marathon herumreichen. Sandra Völker, die
mit 53,59 Sekunden die beste 100-m-Freistilzeit ihrer langjährigen Karriere
erreichte, entschuldigte „Franzi“, weil der wiedererstarkte Berlinerin
das gründliche Ausschwimmen bevorzugte. Bei noch drei ausstehenden Einzelstarts
eine notwendige Entscheidung van Almsicks. Sie hatte unmittelbar nach
dem Wettkampf ohnehin atemlos nur zwei Sätze hervorgebracht: „Diese
Goldmedaille plus Weltrekord – das ist ein Traum. Das war geradezu eine
Gänsehaut-Stimmung in der Halle.“
Von der Euphorie in der Halle profitierten auch die Männer. „Wir hörten,
was in der Halle los war. Das hat uns enorm motiviert“, schilderte Lars
Conrad die Minuten kurz vor dem Staffelwirbel der Krauler. Das deutsche
Quartett überraschte auch Ralf Beckmann, den Teamchef Schwimmen des
Deutschen Schwimmverbandes (DSV). Er war nach den deutschen Meisterschaften
Ende Mai nahe daran, bei den EM keine männliche Freistilstaffel für
den DSV ins EM-Rennen zu schicken. Zu schlecht waren im internationalen
Vergleich die Einzelleistungen.
„Doch wiederum können wir das Phänomen feststellen, dass deutsche Staffelschwimmer
bei großen internationalen Meisterschaften über sich hinauswachsen.
Das ist eine Tradition, auf die wir stolz sein können“, sagte Beckmann,
der auch sofort seine Schlussfolgerung bekannt gab: Künftig werden bei
Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften die Deutschen immer
Staffeln stellen, doch die Auswahl der Sportler dafür erfolgt erst zum
letztmöglichen Zeitpunkt.
Diesen nutzte auch Stephan Kunzelmann, der deutsche Schluss-Schwimmer,
um seiner Staffel den Sieg zu sichern. Gleichauf lag er mit dem Schweden
Mattias Ohlin wenige Meter vor dem Beckenrand mit der Zeitmessung. Doch
der letzte Armzug, der Anschlag, des 1,95-m-Athleten aus Hannover entschied
über Gold oder Silber. Kunzelmann war acht Hundertstelsekunden schneller
als Ohlin. „Das hatten wir in den letzten Wochen immer wieder trainiert,
und der Schwede hatte außerdem den kürzeren Arm“, kommentierte Kunzelmann
grinsend die knappe Entscheidung.
Sächsische
Zeitung - Dienstag, 30. Juli 2002
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