| Der Schwimmer vom anderen
Stern |
||||||||
|
Riesa. Als Oliver Kahn im WM-Finale den Ball nicht festhielt, wurde aus einem Überirdischen wieder ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Ein knappes halbes Jahr später drohte sich dieser Vorgang im Riesaer Schwimm-EM-Becken bei Thomas Rupprath zu wiederholen. Der 25-Jährige wirkte nach 20 Wettkampftagen auf drei Kontinenten, nach 30-stündigem Flug von Südaustralien nach Sachsen körperlich und geistig am Ende. Schon sein Händedruck ist dieser Tage ungewohnt weich, auf den Fotos der Staffelsiegerehrung sah er aus, als wäre er über Nacht zehn Jahre gealtert. Dennoch bleibt der Wuppertaler auf der Kurzbahn ein Außerirdischer, der zurzeit nicht zu schlagen ist. Gestern holte er sich innerhalb von 20 Minuten die Einzeltitel über 100 m Schmetterling und 50 m Rücken. Dass er dabei jeweils eine halbe Sekunde langsamer war als bei seinen Weltrekorden, sahen ihm die Fans auf den diesmal gut gefüllten Rängen nach.
Doch nicht nur Rupprath glänzte: Das DSV-Team schaffte mit dreimal Gold - auch der dritte Titel ging mit Antje Buschschulte auf das Wuppertaler Konto -, zweimal Silber und viermal Bronze den Sprung an die Spitze der Nationenwertung. "Das lief besser als gedacht: Acht Chancen, neun Medaillen", freute sich Sportdirektor Ralph Beckmann.
Rupprath gab zu, dass ihm trotz aller Willenskraft das Siegen momentan schwer fällt: "Ich bin froh, dass meine Einzelfinals nicht am ersten Tag stattfanden. Da hatte ich ein mächtiges Tief." Um Gold über 100 m Schmetterling nicht zu gefährden, schwamm er ungewohnt taktisch: "Ich habe mir die Kraft für die letzte Bahn aufgehoben. Doch der Angriff des Briten Hickman kam nicht." Den Spagat zwischen Weltcup und EM erklärt Rupprath so: "Hier geht es um den Sieg, weniger um die Zeit. Dennoch will ich die Fans in Riesa nicht enttäuschen. Beim Weltcup sind die Top-Zeiten wichtiger, dort geht es für den Gesamtsieg um 50.000 Dollar." Und in dieser Wertung führt er vor den Europa-Stationen im Januar.
Dass "Ruppi" auch über 50 m Rücken so deutlich vorn lag, wurmte Stev Theloke mächtig. Der Chemnitzer sicherte zwar den Doppelerfolg ab, streute sich aber Asche aufs Haupt: "Was ich für Schusselfehler mache, da staune ich, dass die Konkurrenz das nicht ausnutzt." Die Ursache für seine Unkonzentriertheiten kennt der lange Sachse genau: Es ist der Mann, nein der Außerirdische, neben ihm. "Neben Ruppi schwimme ich gehemmt. Nach dem Start sah ich, wie er wegzog. Ich habe falsch reagiert, die Tauchphase abgebrochen, bin hochgeschossen wie eine Rakete und habe gestanden wie ein Eimer."
Die Rekordflut seines Freundes habe ihn sehr beschäftigt: "Dass ich momentan gegen ihn nicht gewinne, ist das eine. Aber knapper hätte es schon sein können." Ralph Beckmann sagte zum Rupprath-Syndrom im Kopf des Chemnitzers: "Vielleicht beschäftigt sich Theo zu sehr damit. Aber es ist nicht so, dass wir ihn deswegen auf die Couch schicken müssen. Er hat immer noch genügend Selbstvertrauen. Und Ruppi ist eben eine Klasse für sich." Mal sehen, wie nahe Theloke dem Schwimmer vom anderen Stern am Sonntag über 100Fm Rücken kommt. Ein Niederlage des Überfliegers ist nach dem gestrigen Tag recht unwahrscheinlich.
Frank Schober © Leipziger Volkszeitung vom Freitag, 13. Dezember 2002 Sächsischer
Schwimm-Verband e.V., Mainzer Straße 17, 04109 Leipzig |